Review: micro label reviews in Bad Alchemy

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Lieber Philippe Lemoine, 

  

please find here BA's resonance to Your very fine releases. 

Thanks so much for sending Your music  

Mit besten Grüssen 

rbd 

  

Philippe Lemoine – Micro Label (Ampus, Provence) 

  

Bei Michel Donedas Sopranowaldgang „Path Under“ (BA 114) war kurz schon die Rede von PHILIPPE LEMOINE und seinen mit Original-Tusche-Artwork von Cécile Picquot ver­schönten Micro-Scheiben: Dem roten Tenorsaxsolo „Matière Première“, „Deserteafica­tion“ als grüner Zusammenkunft mit dem türkischen Cellisten ANIL ERASLAN und „Bows and Arrows“ im blauen Tenor-Sopran(ino)-Baritonsax-Verbund mit MICHEL DONEDA und SIMON ROSE, Lemoines Partner in Séance. Drei aktuelle Spitzen eines Eisbergs, in dem seine bereits mit „Kassalit“ (1995) und „Comediante! Comediante!“ gezeigten Ambitionen als Leader und seine Zeit mit Claude Barthélemy & ONJazz 2002-2005 ebenso ein­gegangen sind wie die „Melodramatic French Songs“ als Le Maigre feu de La nonne en Hiver mit Olivier Lété an E-Bass & Eric Groleau am Schlagzeug und „Le Talent de La Colère“ als Philippe Lemoine Quartet mit auch noch Didier Ithursarry an Akkordeon. Oder die Bathyphonie mit Squid Lux dann schon in Berlin, wo Lemoine mit Mitte 40 eine lange gesuchte Dichte an Gleichgesinnten fand und weidlich auskostete, besonders gern mit Ulf Mengersen am Bass & Wolfgang Seidel an Drums (der Squid Lux auch noch mit Synthi und präp. Gitarre aufgemischt hat). Dadurch inspiriert, stellte Lemoine in Marseille mit Grand8 einen 18-köpfigen, die unvergessliche Catherine Jauniaux mit einschließenden Improv-Pool auf die Beine. Somit gibt es in fließendem Übergang eine Bandbreite von der Vitalität, Melancholie und Zärtlichkeit der frankophonen Projekte bis zum geräuschverliebteren globalen Impro-Pidgin in Berlin. Da strebt die Abenteuerlust postfreejazzig ins Unerhörte, dort entfalten sich aus Jazz und Folklore imaginaire gezopfte Gefühlswelten und Grand8 macht daraus mit kapriziösem französischem Spleen eine Ménage-à-trois. 

• Mit „Matière Première“ zeigt Lemoine sich am 22.9.2018 beim "Le Son des Pierres" Festi­val in Saignon als mit 'Berliner' Luft erfrischten Mann von Welt: Mit bruitophilen Spalt- und Mikroklängen, Schmatz-, Plop- und brabbeligen Überblaslauten, druckvollen Wellen, schmauchend und spuckig, wenn sonor, dann auf raue Weise. Mit Altissimo, das unver­mittelt durch die Schädeldecke pfeift, klopfenden Zungenschlägen, schlürfend und bro­delig, eindringlich und exzessiv. Aber dann auch zag und ganz zart, um gleich wieder zu rütteln an Schmalspurwohlklang, mit diskanten Obertönen über zirkularbeatmetem Puls. Mit spektakulär mehrstimmigem Fauchen und Tuten, gepresst prickelnd und berstend, wehmütig angedunkelt, insistent nuckelnd und wabernd, in minotaurischem Groll und ein­samem Schmerz. Als leiser Hauch, in kaspar-hauserischem Selbstgespräch, stürmischem Erguss, und nochmal von vorn. Im Kern ein Sehnen nach Schönheit, das mit selbstzweifle­rischem Immunsystem ständig sich selber angreift. 

• „Deserteafication“ bringt am 2.2.2018 im T-Berlin in Kreuzberg Anil Erslan und sein Cello ins Spiel, der sich ähnlich gespalten zeigt als Tee trinkender, versonnen in spätromanti­sche Kammermusik versenkter Dr. Jekyll, der plötzlich die Saiten flagellantisch zu trak­tieren beginnt als wie von einem Fieber erfasster Mr. Hyde. Schwungvoll überspielen die beiden nochmal den ganz anderen Groove, der da monoton anklopft. Und der wenig später erneut in Pizzicatofingern juckt oder unternehmungslustig den Bogen schwingt. Bebendes Flageolett mischt sich zu bebenden Lippen, wie Wasserläufer lassen die beiden sich tragen von der feinen Oberfläche, die Dorian Grey von sich selber trennt. Wobei das Tenorsax ähnlich nah dran ist, aus der Haut zu fahren und seine Reißzähne zu zeigen wie das fiebernde Cello seine Krallen. 

• Die da im Kühlspot in Berlin-Weissensee am 25.11.2019 für „Bows and Arrows“ ihre Hör­ner zusammensteckten, sind nicht an sich auf Krawall gebürstet. Sondern eher Alchemis­ten, die für ihr quintessentielles Ziel nur alle Mittel einsetzen. Die krächzenden, schnarren­den, fetzenden, keckernden, kirrenden und Donedas zwilchenden sind dabei keineswegs unedler als der satte, ochsenzungige Bariton von Rose (ex-Badland, Ens Ekt etc.), wenn sie den arrows of outrageous fortune, den whips and scorns of time trotzen. Alles Widrige wird mit den eigenen Waffen gebannt, was zum Heulen ist, wird heulend und röhrend in Schach gehalten, oder wenigsten mit Pressluft, dass das Blech zu bersten droht, in der κακός-καλός-Schwebe. Mit Schamanenspucke und Unkensaft wird Medizin geköchelt, ein Antidot gegen Zagheit und Zipperlein, das balsamische Heilkraft entfaltet. [BA 115 rbd]

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